Plattentaufe «Now To Ruin»
S.G.A.T.V. Live (Plattentaufe; Winti/Frauenfeld/Biel)
Useless Eaters Live (San Francisco)
Lothario Live (Melbourne)
S.G.A.T.V. returns! Mit einer neuen Platte und Friends. Aber eins nach dem anderen. S.G.A.T. what?
«Sick Guitars and Terror Visions» könnte der Titel eines Fantasy-Sci-Fi-Films sein, in dem der Anführer eines geheimen Ordens kosmischer Ritter den Untergang der Welt vorhersagt. Laserstrahlen schiessen aus seinen Feueraugen, während Barbaren mit Plasmaschwertern gegen Drachen kämpfen und eine Flotte lichtgeschwindigkeitsschneller Sternkrieger den gigantischen Weltraumwyrmen den Kampf ansagt. Die Türme der eisernen Städte der Zivilisation stehen kurz vor dem Einsturz. Das alles spielt sich in einer Dimension ab, in der die Zeit auf den Kopf gestellt wurde – 1'000 Jahre nach dem Hyborian Age, aber noch bevor der erste Elf an der Küste von Cuiviénen das Licht der Sterne erblickt. In diesem fantastisch-bizarren Chaos spielt S.G.A.T.V. den angemessenen Soundtrack zur Szene.
In einer etwas langweiligeren und deshalb umso bösartigeren Welt ist S.G.A.T.V. ein Projekt von Severin Beerli. Rasende Gitarrenriffs treffen auf Synthies, es entsteht ein Mix aus Punk à la Devo, Wave und Heavy Metal. Was als Soloprojekt begann, ist inzwischen eine Gruppe von sechs Leuten, die auf der Bühne zusammenkommen und die Songs zum Leben verdonnern.
Und nun ist es so weit: Es steht eine neue Platte im Raum, und die will durch Gehörgänge schallen und ein paar Sicherungen rausjagen. Mit «Now To Ruin» erfindet sich S.G.A.T.V. auf mehrere Arten neu. Stärker als je zuvor kommen die Einflüsse des Heavy Metal zum Vorschein, das neue Album ist rockiger und epischer als bisherige Veröffentlichungen, wobei Sci-Fi-Punk-Riffs und grosse Synthie-Melodien nicht hinten anstehen müssen. «Now To Ruin» erscheint wie der self-titled Vorgänger beim schwedischen Label Push My Buttons. Dieses Mal jedoch wurden die Songs mit der gesamten Band aufgenommen – und die ekstatische Energie ihrer Liveshows für alle Ewigkeit festgehalten.
Eine Plattentaufen-Sause wäre ja schon Anlass genug, dich ins Kraftfeld zu begeben. Es kommt aber noch besser, S.G.A.T.V. haben nämlich Friends dabei – und was für welche:
Useless Eaters lässt sich an der Schnittstelle von rauem Punk, Experimentalismus und visueller Kunst verorten. Was 2008 mit Veröffentlichungen bei Underground-Labels in Memphis angefangen hat, ist inzwischen ein Langzeitprojekt mit einer beeindruckenden Diskografie von acht Alben und siebzehn EPs. Die treibende Kraft dahinter ist Seth Sutton. Von 2013 bis 2017 war Useless Eaters in einer Lagerhalle in San Francisco beheimatet, die auch als Suttons Zuhause und Atelier diente. Nachdem diese von der Stadt geschlossen wurde, pausierte Sutton das Projekt und zog nach Berlin, wo er während fünf Jahren mit Künstler:innen wie Idiota Civilizzato, Glaas, Exit Group und ÖPNV kollaborierte und seine eigene künstlerische Vision weiterentwickelte. Sutton’s Rückkehr nach Kaliforniernen markierte auch das Revival von Useless Eaters: Nach einem Jahrzehnt ohne neue Veröffentlichung erschien 2025 das Album «Music For Clout» – zur grossen Freude von Underground-Punk-Liebhaber:innen.
Lothario schreibt kathartisch-feministische Punk-Hymnen für Gelangweilte und Waghalsige. Das eindringliche Projekt der aus Melbourne stammenden Anneliese Redlich ist geprägt von einer LoFi-Direktheit, hat Redlich es doch 2022 im Schlafzimmer erdacht und, sämtliche Instrumente abgesehen von den Drums, im Wohnzimmer selbst eingespielt und aufgenommen. Entstanden sind Klanglandschaften und Texte, durch die eine dringliche, verzweifelte Bedrohlichkeit hallt. Nach dem 2024 erschienen und zurecht vielfach gelobten Debütalbum «Hogtied» erschien im August 2026 die «IOU EP». Lothario’s Musik ist ein roher Ausdruck nächtlichen Hedonismus und eine Einladung, Selbstzweifel und Verletzlichkeit für einen Moment aussen vor zu lassen, die eigenen Dämonen zu konfrontieren – und sich ihre Macht anzueignen. Die Songs sind Liebesbriefe an Verlierer:innen, erfüllt von einer ungefilterten Intensität, die die Zuhörer:innen dazu einlägt, bis zum Morgengrauen zu toben.
